Städtebaulicher Spaziergang 06. September 2014Leineaue und Lokhalle

Kurz-Dokumentation einer komplexen öffentlichen Angelegenheit Ausgangspunkte - Problematik - Empfehlungen zum Vorgehen

NaherholungStädtebauliches PotentialHochwasserschutz und Naturschutz

Naherholung                  Städtebauliches Potential   Hochwasserschutz und
                                                                                 Naturschutz

Ausgangspunkte

Das Gelände zwischen Bahnhof und Leine wird heute fast nur als Destination für Kino, Grossveranstaltungen oder Bildungskurse und Arbeitsamtsbesuche wahrgenommen, also nicht als organischer Stadtteil, sondern als Anhäufung von Einzelobjekten ohne städtebaulichen Zusammenhang. Sozusagen eine Art von Blinddarm des Bahnhofs.

Digitale Karte

Die Lokhalle als Industriedenkmal von bundesweiter Bedeutung (Ausmasse: 178 m x 90 m x 14 m) verschwindet aus dem Blick, weil fast sämtliche Sichtachsen verbaut wurden.

Nordfassade
Nordfassade

Die Aussenflächen der verschiedenen Einzelbauten sind nicht gestaltet, sondern sie stellen nur die jeweils von der Bebauung nicht beanspruchten Restflächen dar. Dabei sind zum Beispiel westlich der Lokhalle wertvolle Baumbestände vorhanden und die Leine böte eine attraktive Unterbrechung im Stadtgebiet, die heute aber
nur überbrückt, also negativ wahrgenommen wird.
Zwischen dem linken und dem rechten Ufer gibt es keinerlei städtebauliche Beziehungen.

Naherholung
Der gesamte Raum zwischen der Otto-Frey-Brücke und der Godehardstrasse wird fast nur für den Freizeit-Transit entlang der Leine, kaum für den Aufenthalt genutzt. Eine Ausnahme bildet der jeweils vom BUND veranstaltete Leinebadetag.

Städtebauliches Potential
Mit der konzeptlosen Bebauung des Bereichs zwischen dem Gleisbereich, der Bahnhofsallee und der Lokhalle wurde schon viel Potential vergeben. Obwohl Jochen Brandi1 schon vor 30 Jahren ein überzeugendes Szenario entworfen hatte, wurde eine kleinkrämerische Vernutzung vorgezogen. Ein besonders hässliches Beispiel dafür ist der Leinemann-Komplex am südlichen Ende der Bahnhofsallee.

1 Jochen Brandi (1933-2005); Göttinger Architekt und Städteplaner; zahlreiche internationale Projekte und Preise; langjähriger Einsatz für den Erhalt der Lokhalle; mehrere städtebauliche Konzepte für Göttingen

Übersicht 2010
Übersicht 2010

Hochwasserschutz und Naturschutz
Seit dem letzten Hochwasser von 1981, das in Göttingen nur wegen eines unzureichend unterhaltenen Dammes überhaupt Schäden anrichtete, gab es eine ganze Reihe von lokalen Schutzmassnahmen. Diese bestehen vor allem in technischen Bauten wie dem Schöpfwerk am Ende des Leinekanals, Erhöhungen der Dämme und einer Vergrösserung des Durchflussprofils durch die Absenkung der ehemaligen Vorlandflächen. Naturschutz war kein konzeptioneller Bestandteil der Planung

Veränderung Querprofil
Veränderung des ehemaligen Querprofils: Absenkung der Vorländer und Verbreiterung der Niedrigwasserrinne. (Foto: Hinzmann)

und der Unterhaltung2
Die gesetzliche Vorgabe, insbesondere die EU-Wasserrahmen-Richtlinie aus dem Jahre 2000 fordert dagegen eine auf das Einzugsgebiet bezogene Politik. Hier sind aber nur die Wiederholung der Fehler der Vergangenheit, nämlich Bauen im natürlichen Überschwemmungsgebiet festzustellen. Eine weitere Vorgabe sind naturnahe Gewässer. Mit der immer höheren Eindämmung wird hier aber genau das Gegenteil erreicht und eine immer intensivere Bodennutzung im Nahbereich der Leine verstärkt diesen Effekt noch.

Gewässerkarte

2 Auszug aus unserer Stellungnahme zur wasserrechtlichen Planfeststellung nach § 127 NWG zur Verbesserung des Hochwasserschutzes der Leine vom 04.10.2007: Sehr geehrte Damen und Herren, aus naturschutz- und umweltschutzfachlicher Sicht lehnt der Verein Stadt und Planung Göttingen die oben genannte Planung ab. Wir unterstützen grundsätzlich alle Massnahmen, die zu einem naturverträglichen und nachhaltigen Schutz der Göttinger Bevölkerung vor Hochwasser führen. Wir haben deshalb, trotz einiger fachlicher Bedenken, der Errichtung des Schöpfwerkes zugestimmt und bereits damals darauf hingewiesen, dass weitergehende Massnahmen nur im Rahmen eines regionalen Gewässerentwicklungsplans erfolgen dürften. Die geplante Planfeststellung stellt aber eine nicht mehr zeitgemässe, rein technische Wasserbaulösung dar, die ausschliesslich das Ziel verfolgt, einen möglichst umfangreichen Wasserabfluss der Leine im Stadtgebiet von Göttingen zu gewährleisten. Im Rahmen der Planung sollen schwerwiegende Eingriffe in die Fliessgewässerbiozönose der Leine und die Kulturlebensräume an den Leineufern vorgenommen werden. Die Planung verstösst gegen EU-Recht, nämlich die Regelungen der FFH-Richtlinie und der Wasserrahmenrichtlinie, die u. a. ein Verschlechterungsverbot vorschreiben. Wir fordern den Abbruch des Planfeststellungsverfahrens und die Erarbeitung vorausschauender, nachhaltiger und naturverträglicher Konzept, bezogen auf das gesamte Einzugsgebiet südlich von Göttingen.

Problematik

Ein erstes Grundproblem der Göttinger Stadtentwicklung ist das Fehlen von städtebaulichen Konzepten. Das beginnt schon mit der völlig unzureichenden Kooperation auf regionaler Ebene. Anstelle einer abgestimmten Raumordnung in Südniedersachsen finden wir ein Nebeneinanderwursteln der Landkreise und Städte. Gerade beim Hochwasserschutz wird deutlich, dass ein regionales Konzept fehlt und jede Kommune versucht, aus dem Auenbereich noch möglichst viel an Baugebieten und Infrastrukturanlagen herauszuholen.
Das zweite Problem ist die Investorenhörigkeit, die dazu führt, dass die gesetzlich vorgegebene Abfolge der Bauleitplanung und Projektbearbeitung auf den Kopf gestellt wird. Das Projekt des Investors gibt dabei die Bedingungen für den Bebauungsplan vor und dieser wiederum steuert die Anpassung des Flächennutzungsplans. Durch dieses grob gesetzeswidrige Vorgehen wird nebenbei auch jegliche konstruktive
Bürgerbeteiligung ausgehebelt und verunmöglicht.
Das dritte grundsätzliche Problem liegt darin, dass seit 1975 (!) die Stadtplanung keiner grundlegenden Prüfung und Überarbeitung mehr unterzogen worden ist. Zwar hat erging im Mai 2011 ein Neuaufstellungsbeschluss, aber seither hat sich kaum etwas bewegt und wesentliche
Grundlagen fehlen bis heute, während auf der Projektebene fröhlich weitergewurstelt wird.

Naherholung
Die im Gebiet vorhandenen Restflächen bestehen als solche und werden nicht in ein Gesamtkonzept, wie z.B. eines Leineauenparks, einbezogen. Besucherinnen empfinden daher eine Atmosphäre eines städtebaulich minderwertigen Bereichs. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn nur die Wege längs der Leine, bzw. auf den Dämmen genutzt werden und das Naherholungspotential nicht ausgenutzt wird.

Städtebauliches Potential
Es existiert kein Gesamtkonzept, jede Einheit agiert für sich und das meist kommerziell kurzfristig. Neue Ideen tauchen auf, z.B. die Verlegung der Stadthalle zur Lokhalle, und werden dann sehr eindimensional diskutiert. Aktuell werden auf genau dieselbe Art und Weise der Bereich am Groner Tor, die Liegenschaften Bürgerstr. 13/15 und das ehemalige IWFAreal am Nonnenstieg kurzsichtig „verwertet“. Die Stadt betätigt sich einmal mehr lieber als Immobilienmakler statt als Gestalter.
Die durchaus sinnvolle Erweiterung der Lokhalle durch ergänzende Gebäude zur Erweiterung des Angebots wurden auf der Westseite so vorgesehen, dass dann auch diese Längsfassade abgedeckt wäre.

Städtebauliches Potential

Hochwasserschutz und Naturschutz
Die Leine und ihre Zuflüsse werden fast nur als Problem, nicht aber als Chancen für mehr Natur in der Stadt wahrgenommen und entsprechend behandelt. Nur der gemeinsame Einsatz von Umweltverbänden und Sportanglern hat eine weitere Sohlenabsenkung verhindert und für eine Ausweitung der Niedrigwasserrinne gesorgt.
Mit jeder weiteren Erhöhung der Dämme wird die Sichtbarkeit des Flussbetts eingeschränkt und die Hochwasserproblematik wird nur auf die Unterlieger abgeschoben. Naturnahe Überschwemmungsräume gibt es an der Leine oberhalb von Göttingen immer weniger und die Bodennutzung wird auch in Forst- und Landwirtschaft weiter intensiviert. Dadurch vermindert sich die Aufnahmefähigkeit der Böden und der Anteil
des Oberflächenabflusses nimmt zu.

Bodennutzung

Bodennutzung LegendeFlussverläufe

Empfehlungen zum Vorgehen


Die Stadt Göttingen muss in der Stadtentwicklung wieder konzeptionell arbeiten. Dabei müssen Naherholung und Naturschutz auch konzeptionell berücksichtigt werden.
Bürgerbeteiligung muss als Chance und Bereicherung, nicht als eine lästige Pflicht gesehen werden.
Die gesetzlichen Intentionen der Stadtplanung müssen wieder befolgt werden. Das erhöht übrigens auch die Verlässlichkeit der Stadt gegenüber den Investoren und ermöglicht so eine frühzeitige Auswahl von passenden Investoren und Projekten. Das bedeutet für beide Partner ein konstruktives und produktives Miteinander anstelle der oft unklaren Hängepartien (vgl. dazu die Fälle Groner-Tor-Strasse/Nikolaiviertel, Nonnenstieg und Brauweg).

Naherholung
Der gesamte Leinebereich und die Zuflüsse im Stadtgebiet sollen als Grundgerüst eines Park- und Grünflächenkonzepts aufgefasst werden. Im Bereich zwischen Otto-Frey-Brücke und Godehardstrasse soll der Jochen-Brandi-Park unter Einbezug der Aussenflächen aller Grundstücke im öffentlichen Besitz entwickelt werden. Fast alle Gebäude haben öffentlich-rechtliche Eigentümer oder Nutzungen und könnten deshalb ohne
grössere Probleme in ein umfassendes Park-Konzept einbezogen werden.
Dadurch würden die Besucherinnen der einzelnen Institutionen diese weiterhin als eigenständige Bauten und Anlagen in ihrer Stadt wahrnehmen, gleichzeitig aber wäre das ganze Gelände ein durchgehend nutzbarer Park.

Städtebauliches Potential
Aus dem „Hinterhof des Bahnhofs“ kann die neue Mitte Göttingens werden. Hierzu ist insbesondere eine Wegeverbindung für Fussgänger und Radfahrerinnen nötig, wie sie schon mehrfach vorgeschlagen wurde. Damit kann dann auch eine gestalterische Verzahnung von Westufer und Ostufer erfolgen und die bisher trennende Wirkung der Leine wird positiv in einen verbindenden Grünraum umgewandelt. Weitere bauliche Nutzungen sollen dann nur im Rahmen des Park-Konzepts erfolgen und die Westseite der Lokhalle freihalten und erlebbar werden lassen.

Luftbild Lokhalle
Die Lokhalle, wie sie vom Boden aus leider nicht mehr zu sehen ist. (Foto: GWDG) Rechts ist der Bereich zwischen Bahnhof und Lokhalle fast vollständig verbaut.

Szenario Lokhalle
Das Szenario von Jochen Brandi (Blickrichtung Süden, links die Bahngleise und rechts die Lokhalle) lässt den Durchblick auf breiter Front frei und setzt städtebaulich klare Akzente im Süden.

Ideenskizze
Ideenskizze von Jochen Brandi für eine Verbindung der beiden Uferbereiche, Resultat wäre dann eine neue grüne Mitte.

Hochwasserschutz und Naturschutz
Die Stadt Göttingen soll sich mit den Oberliegern bis hin nach Leinefelde mit Beteiligung der Länder zusammensetzen und in dieser Zusammensetzung einen Gewässerentwicklungsplan für das Einzugsgebiet mitentwickeln, der die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie und des Bundesnaturschutzgesetzes berücksichtigt. Im Zeitraum bis 2060 sollen dann die durch die Schaffung naturnaher Überschwemmungsräume im Oberlauf frei gewordenen Schutzkapazitäten durch eine entsprechende Abtragung der Dämme genutzt werden. Dadurch kann auch der Leineraum besser zugänglich gemacht und als grünes Rückgrat eines Göttinger Grünflächenverbunds neue Qualitäten entwickeln.

Konzept
Brandi-Konzept als Ideenanregung für eine Bundesgartenschau, 1979.

Unsere Vorstellungen zur Leineaue im Lokhallenbereich:
• Die Leineaue stellt innerhalb der Stadt Göttingen ein naturnahes Landschaftselement von hohem Wert dar.
• Der gesamte Raum zwischen Bahnhof und Leine soll - insbesondere durch die Qualität des Freiraums - einen eigenständigen Charakter erhalten. Damit soll das bisherige Image von „da hinten“ durch eine positiv besetzte Assoziation zwischen Lokhalle und Leine besetzt werden. Gleichzeitig kann der jetzt noch recht gesichtslose Jochen-Brandi-Platz seine ihm zustehende städtebauliche Funktion entwickeln.
• Neue Baukörper von hoher architektonischer Qualität sollten im Sinne der landschaftsbestimmten Architektur diskret in das bestehende Ensemble eingefügt werden, unter Schonung des jetzigen Baumbestandes.
• Die dadurch deutlich gesteigerte Aufenthaltsqualität in diesem Bereich käme damit nicht nur der wirtschaftlichen Nutzung dieses Areals zu Gute, sondern würde auch für alle Göttinger eine bisher ungenutzte attraktive Bereicherung darstellen.

Auszug aus unserem Schreiben zur Erweiterung der Lokhalle:

An die Fraktionen im
Rat der Stadt Göttingen
Neues Rathaus
Hiroshimaplatz 1-4
37083 Göttingen

Göttingen, den 02.04.2012

Umbau und Erweiterung der Lokhalle Göttingen

Sehr geehrte Damen und Herren,
fast auf den Tag genau 12 Jahre, nachdem gegen Wohnbebauungspläne auf der Lokhallenwestseite Stellung bezogen wurde und sich der Verein Stadt und Planung Göttingen e.V. mit aus diesem Anlass gründete, ist das Areal zwischen der Lokhalle und der Leine durch Baupläne der GWG erneut bedroht.
Der Erhalt und der erfolgreiche Betrieb der Lokhalle ist ganz im städtischen Interesse. Auch aus unserer Sicht ist für die zukünftige Vermarktung und Entwicklung eine bauliche Erweiterung notwendig. Es ist grundsätzlich auch begrüssenswert, wenn dazu ein Architektur-Wettbewerb stattgefunden hat.
Gleichzeitig gehört aber auch die Leineaue mit dem vorhandenen Altbaumbestand zu den städtebaulichen Werten, die für die Zukunft ein grosses Entwicklungspotential aufweisen. Die Mehrheit des Aufsichtsrats der GWG wird von den Ratsfraktionen gestellt. Wir möchten Ihnen deshalb - nach eingehendem Studium der ausgestellten Wettbewerbsarbeiten - einige Überlegungen und Meinungen zum kürzlich zur Umsetzung vorgestellten Entwurf für den Erweiterungsbau mitteilen:
-Der ausgewählte Entwurf würde nun auch die zweite Längsfassade der Lokhalle vollständig verstellen und dadurch das Baudenkmal Lokhalle massiv beeinträchtigen. Das imposante Gebäude wäre damit definitiv nur noch von innen her erlebbar.
-Die geplante Architektur weist mit der Verwendung einer Betonfertigteilfassade auf der gesamten Länge einen der Lokhalle nicht angemessenen, monotonen Charakter auf. Der Längsschnitt gibt eine Sicht wieder, die auf Grund der Perspektive gar nicht möglich wäre.
-Die Gestaltung und Länge des Baukörpers wirken trennend und abweisend in Richtung Leinepark und Weststadt. Somit entstünde eine neue Rückseite und eine Abwertung des zur Leine hin vorhandenen Geländes, die mögliche Aufenthaltsqualität des Landschaftsraumes würde dadurch erheblich eingeschränkt.

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