Städtebaulicher Spaziergang 21. September 2013Theaterplatz-Albaniplatz-Stadthalle

Kurz-Dokumentationeiner komplexen öffentlichen Angelegenheit Ausgangspunkte - Defizite und Potentiale - Empfehlungen zum Vorgehen

AlbaniplatzStadthalleTheaterplatz
 Albaniplatz 1879             Stadthalle   Theaterplatz

Ausgangspunkte
Luftbild
Ausschnitt aus dem Luftbild (Google Earth 2010)

Albaniplatz: Im Bereich des heutigen Albaniplatzes wird die erste Siedlung von Gutingi verortet, einer der Stadtkerne des heutigen Göttingen. St. Albani ist eine im 15. Jahrhundert erbaute gotische Hallenkirche, deren Vorgängerbau die älteste Kirche der Stadt (Gotteshaus von "Gutingi") war, Altar des Hans von Geismar (1499) mit eindrucksvollen Malereien. Die Albanikirche (Einzeldenkmal) wurde 1461 beim Bau des Albanitors mit in den Schutz der Stadtmauer einbezogen.

Rohn´sches Badehaus: Das Badehaus im Cheltenham-Park wurde 1820 eröffnet. Es war das erste öffentlich zugängliche Badehaus, allerdings nur für Männer. Benannt ist es nach dem Architekten und Bauunternehmer Christian Friedrich Andreas Rohns.

Deutsches Theater: Nach dem Grossbrand des alten Stadttheaters am Neuen Markt, dem heutigen Wilhelmsplatz, im Jahre 1887 war man sich in der Bürgerschaft über die Notwendigkeit eines neuen, würdigen Theaterbaus einig. Noch im selben Jahr beschlossen die städtischen Gremien, das Theater zwischen dem Königlichen Gymnasium (dem heutigen MPG) und den Wallanlagen zu errichten. Die Befürchtungen, die Nähe des Theaters würde eine sittliche Gefährdung der Schüler des Gymnasiums darstellen, erwiesen sich als haltlos. Das Theater wurde in den Jahren 1889 und 1890 als Duplikat des Oldenburger Grossherzoglichen Hoftheaters von Architekt Nierenheim als Werksteinbau im Stil der Neorenaissance errichtet und dann 1890 als Stadttheater eröffnet. Seitdem wurde es mehrmals erweitert und renoviert (1904 und 1927), zuletzt 1981–84, als nach Plänen des Göttinger Architekten Jochen Brandi an der Westseite u.a. der Glaspavillon angebaut wurde. Einzeldenkmal.

Völkerkundemuseum: Das 1936 eröffnete Museumsgebäude beinhaltet die Ethnologische Sammlung der Universität. Weltbekannt sind die Sammlungen des Naturforschers Johann-Heinrich Blumenbach, die Cook-Forster-Sammlung (Südsee) und die Sammlung von Asch (Sibirien, Arktis). Auf 300 m2 Ausstellungsfläche werden 17´000 Exponate gezeigt, einige davon wurden in die virtual collection of masterpieces aufgenommen.

Stadthalle: Erbaut wurde die Stadthalle vom Architekten Rainer Scheller als Musik- und Kongresshalle und zum 1. September 1964 in Betrieb genommen. Die damals neuartige Architektur, insbesondere die ungewohnte Fassadengestaltung in changierend violetter Keramik, führte in den 1960er Jahren zunächst zu erregten Diskussionen in der Bevölkerung. Gleiches galt für das an der Westseite angebrachte Bronzerelief Die Stadt von Jürgen Weber, das in seinen Darstellungsweisen als zu drastisch empfunden wurde und daher Entrüstung hervorrief. Geblieben ist von dieser Kritik der liebevoll spöttische Spitzname Kachelofen.

Städtebauliche Bedeutung: Am östlichen Rande des Wallbereichs hat sich aus einer ehemaligen Torsituation heraus eine hochkarätige Kulturmeile entwickelt. Die ursprüngliche Wallanlage ist dabei vollständig überprägt worden. Das anschliessende Ostviertel ist ein klassisches Wohnviertel mit über 16´000 Einwohnern und vergleichsweise hoher Lebensqualität.

Defizite

Hoher Flächenanteil für MIV: Die insgesamt recht grosszügig wirkende Situation wird stark durch den motorisierten Individualverkehr dominiert. Trotz verhältnismässig geringer Tagesfrequenzen beanspruchen sowohl Fahrbahnen als auch Stellplätze den meisten Platz und prägen den Eindruck.

Städtebaulich intransparente Struktur: Die Nutzung der exponierten Fläche des Albaniplatzes als Parkplatz führt dazu, dass wichtige Sichtachsen nicht als solche wirken können (z.B. vom DT zum Rohn´schen Badehaus). Das Missverhältnis der Fahrbahnflächen führt zu einer optischen Vereinzelung der prägenden Bauten. Das Fehlen einer verbindenden Struktur führt zur voneinander isolierten Einzelwahrnehmung.

Keine Plätze: Von der Benennung her könnte man hinter den Bezeichnungen „Theaterplatz“ und „Albani-Platz“ eigentliche Stadtplätze vermuten. Allein, eine Begehung macht schnell klar, dass es sich dabei nur um namentliche Ortszuschreibungen handelt, denen Räumen aber eigentlich urbane Qualitäten abgehen.

Nebeneingänge: Das Völkerkundemuseum findet nur, wer es schon kennt oder jemanden fragt. Die Eingangssituation fällt durch eine Art von Verlegenheit auf. Dank der hohen Umgrünung fristet die Anlage ein verstecktes Dasein. Auch bei der Stadthalle fehlt dem Haupteingang ein vorgelagerter Platz und die Nordseite ist mittlerweile ein gestalterisch völlig missratenes Flickenwerk von Verkehrsflächen und Restgrün, während die Südseite zusammenhangslos und beziehungslos an den Cheltenham- Park angrenzt..

Wall und Wallvorfeld nicht erkennbar: Die Öffnung der Stadttore und die aktuelle Nutzung führen dazu, das die umfassende Wirkung des Walls und des Wallvorfelds nicht mehr ablesbar und erlebbar ist.

Potentiale1

Ensemble bilden: Die Erkenntnis „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ kann hier genutzt werden, weil gleich fünf bedeutende Einzelelemente über eine Neugestaltung miteinander in Beziehung gebracht werden können. Damit könnte auch ein weiterer städtebaulicher Gewinn aus der Verhinderung der Osttangente geschöpft werden. Über klare Sichtachsen wäre die optisch wahrnehmbare Verbindung zwischen den unterschiedlichen Einzelanlagen möglich.

Öffentlichen Raum gewinnen: Frei nutzbarer öffentlicher Raum schwindet immer mehr und wird durch kommerziell besetzte Flächen ersetzt. Im hier betrachteten Gebiet böte sich eine grosse Chance, einen zusammenhängenden und Kommerz-freien öffentlichen Raum zu gestalten und als kulturellen städtebaulicher Schwerpunkt aufzuwerten.

Wall und Park sichtbar machen und ergänzen: In der heutigen Situation ist der Wall als lineares Element nicht mehr durchgängig erkennbar. Die an den Wall angehängten Grünflächen (hier der Cheltenham-Park und der ABG) sind durchwegs klein und können so ihre Wirkungen nur eingeschränkt zur Geltung bringen. Durch die Umwidmung von MIVFlächen ergäben sich neue Spielräume für die Erweiterung und Verbindung von Grünräumen.

Seitenstrasse entlasten: Über eine Neuordnung der Verkehrsverhältnisse - sowohl des fliessenden als auch des ruhenden Verkehrs - könnten die Seitenstrasse von unnötigem Suchverkehr entlastet werden. Gleichzeitig gewönne man durch eine andere Organisation der Stellplätze mehr Gestaltungsspielraum und eine höhere Aufenthaltsqualität.

1 Die Bezirksgruppe Braunschweig des Bundes Deutscher Architekten (BDA) führte 2005 einen Workshop mit 4 Arbeitsgruppen zu den Stadttor-Situationen von Göttingen durch. Aus der damals publizierten Broschüre stammen einige Hinweise, Ideen und Grafiken. Wir danken Herrn Dipl.Ing. Architekt Matthias Rüger für das Zurverfügungstellen der Unterlagen.

Empfehlungen zum Vorgehen

Städtebauliche Analyse: Sämtliche Aspekte sollen gründlich analysiert und die notwendigen Daten hierzu erhoben werden. Hier könnten auch studentische Arbeiten wertvolle Grundlagen liefern.

Stadtplanungentscheid vor Projektentwicklung: Vor dem Hintergrund von FNP (alt und neu2) und den konzeptionellen Vorgaben der Planungsleitbilder muss vor jeglichen kurzfristigen Verwertungsaktionen3 eine öffentliche Diskussion über die städtebaulichen Ziele erfolgen. Daraus soll ein spezifisches Entwicklungskonzept erarbeitet werden. Dieses muss dann planungsrechtlich korrekt umgesetzt werden und bildet den Rahmen für den weiteren Umgang mit diesem Gebiet.

Vorgaben aus dem Städtebaulichen Leitbild 2020 und dem Innenstadtleitbild umsetzen: In den beiden aktuellen Leitbildern sind für den hier diskutierten Bereich insbesondere folgende Zielformulierungen enthalten:
- Gestalterische Aufwertung der historischen Stadteingänge
- Sicherung und gestalterische Aufwertung der Wallanlagen und des Wallvorfelds
- Aufwertung und Ergänzung der Grünverbindungen im Bereich Am Geismartor, am Albaniplatz und am Deutschen Theater
- Erhaltung und Inszenierung des kulturellen Erbes der Stadt
- Beseitigung der stadtbildstörenden Stellplatzanlagen und Kompensation in stadtbildverträglichen Anlagen

Neuordnung des Verkehrs: Die verhältnismässig geringe Belastung mit MIV und LKW-Verkehr soll ausgenutzt werden, um mit minimalen Flächen auszukommen. Für die am Rand des Wallbereichs sinnvollen Stellplätze soll unter dem Albaniplatz eine Tiefgarage mit zwei Ebenen eingezogen werden. Dadurch wird oberirdisch nicht nur auf dem heutigen Parkplatz und den Seitenstrassen neuer Gestaltungsspielraum eröffnet, sondern es könnte auch der erhebliche Parksuchverkehr (z.B. Theaterstr., Burgstr., Friedrichstr.) unterbunden werden.

2 Im Frühling 2011 erging der Aufstellungsbeschluss für den neuen FNP. Die Bearbeitung hinkt allerdings weit hinter dem Fahrplan hinterher, eine Öffentlichkeitsbeteiligung dazu hat bisher gar nicht stattgefunden. Das selbe gilt für den kommunalen Landschaftsplan und den Klimaplan.
3 Aktuell wird bei der GWG eine Verlegung der Stadthallenanlässe in das Lokhallen-Areal überlegt. Die Stadthalle würde dann abgerissen und das Grundstück für einen Hotelneubau privatisiert.

Öffentlichkeitsbeteiligung und ergebnisoffen moderierte Planung: Anstelle der bisherigen „Hinterzimmer-Politik“ - hier insbesondere durch die Konstruktion des Grundbesitzes in der GWG - sollen Problemstellungen frühzeitig bearbeitet und mit der ganzen Bandbreite der möglichen Lösungswege publik gemacht und diskutiert werden. Anschliessend soll unter Berücksichtigung der Diskussionsergebnisse ein moderiertes und ergebnisoffenes Verfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung durchgeführt werden.

Fazit

Der heute verhältnismässig unscheinbare und nicht im Zusammenhang wahrgenommene Bereich zwischen DT, Albaniplatz und Stadthalle weist eine Reihe von städtebaulichen Defiziten auf.
Eine intelligente, konzeptionelle Aufarbeitung eröffnete die grosse Chance, hier aus den hochkarätigen Einzelanlagen einen öffentlichen Raum von eigenem Charakter und kulturellem Schwerpunkt zu entwickeln.

Voraussetzungen dafür wären aber eine strategische Neuausrichtung der Stadtplanung und ein Einbezug der Bevölkerung anstelle der aktuellen Grundstücksmaklerei, der Orientierung am Einzelprojekt und der inhaltlichen Ausgrenzung der Bürgerinnen.

FNP
Ausschnitt aus dem aktuellen Flächennutzungsplan (2009),
Legende:
Legende BauflaechenWohnformen
S   Sonderbaufläche (für Bildung und Wissenschaft)
W  Wohnfläche

GemeinbedarfGrünflächeGrünfläche   Schutzgebiete

Grünflächen    Institutionen

StadtgrundrissStadtgrundriss um 1600

Teichanlage
Teichanlage am Albanitor (Bild ca. 1850)

Bürgerdenkmal
Das Bürger-Denkmal in Ulrichs Garten (1956 abgetragen)

Alte Stadthalle
Alte Stadthalle um 1900 (1956 abgerissen)

Beispielhafte Ideen aus dem BDA-Workshop von 2005
Sichtachse
Historische Sichtachse - erneuerungswürdig?
Grafik aus BDA-Broschüre 2005

Kulturboulevard
Idee: „Kulturboulevard“ als städtebauliche Klammer
Grafik aus BDA-Broschüre 2005

Grafiken aus BDA-Broschüre 2005

Skizze
Modellansicht und Skizze des „Kulturboulevard“

Der heutige Parkplatz wird durch eine Tiefgarage ersetzt und die Verkehrsführung geändert.

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